Durch soziale Kompetenz zum Erfolg
Lesestoff für Alle
Vor 100 Jahren begann in Kiel der märchenhafte Aufstieg eines Werftarbeiters: Richard Ganske und seine Nachkommen wurden Verleger - unter anderem des Blattes, das Sie in Händen halten
Archiv Ganske Gruppe /Merian KielDer Vater von drei Kindern wurde zum Berater seiner Kunden, übernahm die Aufgaben des Conférenciers und Moderators, war Intendant und Programmdirektor zugleich. Er wählte den Stoff aus, der unterhaltend sein sollte, aber auch anspruchsvoll und weiterbildend.
Die Mappen des Lesezirkel Daheim, in einem robusten Mantel aus Hartpappe und mit festem Bindfaden fixiert, waren eine klug kombinierte Wochenration an Lernstoff, Lebenshilfe und Literatur. Richard Ganske setzte auf Unterhaltung mit Niveau und Qualität; er wollte den Geheimrat ebenso gewinnen wie den Marineoffizier oder Hilfsarbeiter, vor allem aber auch deren lesende Frauen. Bei der Auswahl der Zeitschriften folgte er einem Grundsatz, von dem er, anders als viele seiner späteren Konkurrenten, niemals abwich: alle für alle. Wenn er ein Blatt in seinen Lesezirkel aufnahm, bekam es jeder Bezieher, und dieses unverrückbare Prinzip war das eigentliche Geheimnis des späteren Erfolgs, denn es garantierte Klarheit in der Organisation und hohe Auflagen für das ausgewählte Objekt. Gleichzeitig begann ein frischer Wind durch den Blätterwald zu rauschen, ein neuer Zeitschriftentyp machte Furore: illustrierte Blätter.
DAS GESCHÄFT BLÜHTE. Jede Zeitschrift, die ihm ein Verlag zum halben Preis überließ, holte ihre Kosten schnell wieder herein, bis zu vierzehnmal wurde sie verliehen. Das Unternehmen strebte in die Höhe und in die Breite. So zeigte denn auch der neue Firmensitz an der Gutenbergstraße 42 in Kiel eine stolze Fassade, ein fünfstöckiger Jugendstilbau mit eleganten Balkonen, hohen Räumen und hohen hellen Fenstern. Der Werftarbeiter Richard Ganske hatte es weit gebracht. Aber dann musste er in den Krieg. Im Alter von 37 Jahren wurde Ganske Soldat. Die Buchhandlung blieb geöffnet, der Lesezirkel Daheim lieferte weiter die Mappen aus. Wo Männer fehlten, übernahmen Frauen die Verantwortung, die Organisation und die Arbeit, die getan werden musste. Jede Hand wurde gebraucht. Die Kinder trugen nach der Schule Mappen aus, brachten sie zu den Kunden, holten die alten ab, rechneten auf den Pfennig genau ab, freuten sich über das Trinkgeld.
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